Bauchtanz, Götter, Wasserpfeife
Ägypter genießen, fluchen, beten und tanzen. Was Besucher über das Land am Nil wissen sollten, erfahren Sie hier
Bauchtanz:
Kaum eine Hochzeit oder ein Clubabend ohne Bauchtanz, kein Ramadan-TV-Programm ohne Prominententalk mit Fifi Abdou, der skandalgewohnten Bauchtanzkönigin des Landes. Selbst Dreijährige beherrschen schon das Kreisen des Bauchnabels zu Musik und heben instinktiv dazu die Arme. Trotzdem hegen die Ägypter eine Art Hassliebe zum Raqs sharki, wie der Hüfttanz auf Arabisch heißt.
Sie finden ihn unsittlich, weil er gegen den religiösen Anstand verstößt, aber sie bewundern und verehren seine Superstars. Bauchtanz gehört zur Lebensfreude der Menschen, und das seit Tausenden von Jahren, wie altägyptische Reliefs zeigen. Die frühen Musikfilme der 1940er-Jahre holten die Tänzerinnen heraus aus den verrauchten Nachtclubs auf die Leinwand, aber sie konnten ihren Ruf nur wenig verbessern. Heutzutage sieht man die besten Shows in den Kairoer Luxushotels. Seit Herbst 2003 erhalten ausländische Tänzerinnen keine Arbeitserlaubnis mehr. Die Regierung will damit die einheimischen Künstlerinnen vor der Konkurrenz schützen. Eine australische und eine russische Tänzerin reichten gegen diesen Beschluss Klage bei einem ägyptischen Gericht ein.
Bildung:
Bildung:
Die Ägypter sind bekannt für ihren Gleichmut, aber einmal im Jahr hört man ein ganzes Land klagen und stöhnen. Vor den großen Sommerferien wird das dem deutschen Abitur vergleichbare Thanawiyya aama abgelegt, Schüler und Eltern stehen am Rande des Nervenzusammenbruchs. In den staatlichen und vielen privaten Schulen wird weder kritisches Denken noch das Lösen von Problemen gelehrt, sondern auswendig gelernt. Die Lehrer bessern ihr Monatsgehalt von 80 Euro mit Privatstunden auf, für die Ägyptens Eltern mehrere Millionen Euro pro Jahr ausgeben. Vor allem während dieses Nachhilfeunterrichts erfahren die Schüler das nötige Prüfungswissen. Wochenlanges stoisches Memorieren ist die Folge, jeder Satz muss in der Prüfung sitzen. Die Abiturnote entscheidet über den Studienplatz, Kreativität schadet da eher.
Gastfreundschaft:
Gastfreundschaft:
Sobald ein Gast das Haus oder das Zelt betritt, so lautet eine alte Beduinenregel, soll man ihn mindestens drei Tage lang wie ein Mitglied der Familie behandeln. Er muss beköstigt, beschützt und notfalls gekleidet werden. Auch heute noch ist die Gastfreundschaft der Ägypter nahezu legendär. Die Chance, dass Einheimische Sie nach Hause zum Essen einladen, ist gar nicht so klein. Bevor Sie eine Einladung zu Ägyptern nach Hause annehmen, sollte sie mindestens dreimal ausgesprochen sein, und selbst dann kann es passieren, dass die Gastgeber Ihnen zuliebe mit einem opulenten Mahl die Haushaltskasse für Monate im Voraus ruinieren. Bringen Sie ein kleines Geschenk mit, Gebäck oder frisches Obst, und vor allem Hunger, denn es gibt für die Gastgeber kein größeres Lob, als wenn Sie reichlich essen!
Götter:
Götter:
Diesseits und Jenseits waren für die alten Ägypter zwei Daseinsformen eines größeren Ganzen, getrennt nur durch ein Totengericht, das über die Aufnahme der Verstorbenen ins Jenseits befand. Diesem Gericht stand Osiris vor, Herr der Unterwelten und gleichzeitig Gott der Wiedergeburt. Isis, Muttergottheit sowie Gattin und Schwester des Osiris, hatte seinen von Seth ermordeten und zerstückelten Leichnam eingesammelt und zu neuem Leben erweckt. Isis gebar ihm auch einen Sohn, Horus, den Gott mit dem Falkenkopf, der als erster Pharao den Thron bestieg und somit alle folgenden Pharaonen direkt zu Osiris in Beziehung setzte und gottgleich machte.
Zu den zahlreichen Göttern der Pharaonenzeit gehörten Hathor, die Göttin der Fruchtbarkeit und der Liebe, oft in Kuhgestalt abgebildet, sowie der zum Gott erhobene Baumeister der Stufenpyramide von Saqqara, Imhotep, Schutzherr seiner Zunft sowie derer der Ärzte, außerdem Amun, der thebanische Reichsgott und Schöpfer der Welt.
Hieroglyphen:
Hieroglyphen:
Funde eines Teams des Deutschen Archäologischen Instituts, das seit 1988 in Abydos gräbt, legen es inzwischen nahe, dass sich die Schrift der alten Ägypter tatsächlich ohne den Einfluss der Sumerer aus dem Zweistromland entwickelte. Die Zeichen, die das Team auf unzähligen Täfelchen und Scherben fand, sind eindeutig Vorläufer jener späteren Hieroglyphen, die Champollion anhand des dreisprachigen Steins von Rosetta 1822 übersetzte.
Schrift wurde anfangs weder für heilige Texte noch für Geschichtsepen, sondern vor allem für Inventarlisten, Steuervermerke oder Namensetiketten verwendet. Sie ist Produkt eines beeindruckenden Verwaltungsapparats, den man ohne Übertreibung als die älteste Bürokratie der Welt bezeichnen kann.
Islam:
Islam:
Neun von zehn Ägyptern sind Muslime. Die Bedeutung der Religion im Alltag wird auf Schritt und Tritt deutlich. Fünfmal am Tag ertönt der Gebetsruf aus den Lautsprechern der Moscheen und Gebetsräume. Die Scharia, das islamische Recht, ist eine Quelle der Gesetzgebung, neben dem Bürgerrecht, das sich jedoch immer mehr an der Scharia orientiert. Eheschließungen und Bestattungen werden nach islamischem Ritus vollzogen. In kaum einem Restaurant gibt es Schweinefleisch. Jeder fromme Muslim erfüllt fünf Grundgebote: Er leistet ein Bekenntnis zu Gott (arabisch: Allah) und zum Propheten Mohammed, betet fünfmal pro Tag, fastet im Monat Ramadan, leistet eine Armensteuer und pilgert einmal im Leben nach Mekka. Die heilige Schrift, der Koran, wurde dem Propheten Mohammed vor über 1300 Jahren offenbart. Juden und Christen werden in ihm als Vorläufer, als »Leute des Buchs«, respektiert.
Kopten:
Kopten:
Acht Prozent aller Ägypter sind Christen. Im 2. Jh. war das Nildelta bereits christianisiert. Die Kopten, Ägyptens orthodoxe Christen, stellen deshalb eine der ältesten christlichen Glaubensgemeinschaften der Welt dar. Das Verhältnis zur muslimischen Bevölkerungsmehrheit ist gespannt. Die Regierung beschwört die Einheit des ägyptischen Volkes, und viele Ägypter aller Glaubensrichtungen stimmen dem vorbehaltlos zu. Trotzdem kommt es in Oberägypten manchmal auch heute noch zu gewalttätigen Konflikten zwischen Muslimen und Kopten. Die Kopten sind ähnlich stark an Traditionen orientiert wie der Rest der Ägypter, so werden z. B. auch bei ihnen weibliche Beschneidungen durchgeführt.
Moschee:
Moschee:
Das islamische Gebetshaus ist - anders als die christliche Kirche - keine sakrale Stätte, sondern vor allem ein praktischer, sauberer und stiller Ort für das Gebet, einzeln oder in der Gruppe. Gleichzeitig dient die Moschee als Treffpunkt, zum Ausruhen und Meditieren sowie als Anlaufpunkt für Reisende. Auf Grund des islamischen Bilderverbots sind Moscheen vorwiegend mit kunstvollen Kalligrafien verziert. Außerhalb der Gebetszeiten können Sie fast alle Moscheen bedenkenlos besichtigen, wenn Sie die Stille respektieren, keine aufreizende Kleidung tragen und Ihre Schuhe am Eingang ausziehen. Zu den wenigen Ausnahmen gehören die Hussein- Moschee und die Moschee Sayyida Zeinab in Kairo. Sie sind heilige Wallfahrtsorte, Nichtmuslime also eher unerwünscht. Manchmal werden den Besucherinnen Tücher am Eingang gereicht, mit denen sie ihr Haar bedecken können.
Musik:
Musik:
Kairo ist die »Hitfabrik« des Nahen Ostens. In schneller Folge werden immer neue Kassetten - und einige CDs - auf den Markt geworfen, inklusive Musikvideo. Superstar seit einigen Jahren ist Amr Diab, der Bestverdiener unter den arabischen Popmusikern. In Ägypten sehr beliebt, aber auch in Deutschland einer kleinen Fangemeinde bekannt, ist Mohammed Mounir. Er mixt nubische Klänge mit gefälligem Jazz zu Ohrwürmern, gelegentlich eingespielt von deutschen Gastmusikern. Nie wieder nach ihr konnte jedoch jemand die Zuhörer so begeistern wie die Sängerlegende Umm Kulthum. Bei ihrem Tod 1975 folgten 2 Mio. Menschen auf Kairos Straßen dem Sarg.
Politisches System:
Politisches System:
Verglichen mit ehemaligen Ostblockstaaten oder anderen arabischen Ländern ist Ägypten eine Oase der Liberalität. Es gibt Oppositionsparteien, turbulente Parlamentsdebatten, und vor einigen Jahren erklärte das oberste Verfassungsgericht das Parlament sogar für unrechtmäßig und löste es auf - wegen Formfehlern bei der Wahl. Über weite Strecken funktioniert die politische Landschaft jedoch nach dem Prinzip Pharao. Der Präsident besitzt ein Einspruchsrecht bei allen Gesetzen, er setzt sämtliche Gouverneure in den Provinzen persönlich ein, ernennt Minister und verhängt den Ausnahmezustand - der jetzige gilt seit 1981. Seit jenem Jahr regiert Hosni Mubarak als Präsident das Land, inzwischen in der vierten Amtsperiode. Seine Regierungspartei besitzt die absolute Mehrheit im Parlament.
Ramadan:
Ramadan:
Im muslimischen Fastenmonat ist alles anders. Einmal im Jahr für vier Wochen folgt das gesamte öffentliche und private Leben in Ägypten Regeln, die wenig mit denen der übrigen Zeit gemein haben. Zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang verzichten nicht nur die besonders gläubigen Muslime auf Speisen, Getränke, Sex, Parfüm und Nikotin. Auch weniger fromme bleiben vom Ramadan nicht unberührt und versuchen wenigstens für ein, zwei Wochen mitzufasten. Alle Geschäfte, Ämter und Firmen schließen drei Stunden vor Sonnenuntergang, und zum Zeitpunkt des Fastenbrechens, des Iftars, herrscht Totenstille auf den Straßen, selbst in Kairo, alles sitzt daheim am Essenstisch. Das Mahl fällt besonders festlich aus, man lädt sich gegenseitig ein und feiert. Die Zeit bis zum Suhur, dem letzten Mahl in der Nacht, verbringt man in den Kaffeehäusern oder in speziellen Festzelten bei Wasserpfeife, Tee und Kaffee. Die Straßen sind mit Ramadanlaternen und Girlanden geschmückt. Der Ramadan endet mit dem dreitägigen Fest des Fastenbrechens, dem Eid Al-Fitr.
Shisha:
Shisha:
Die drei wichtigsten Geräusche eines typischen ägyptischen Kaffeehauses sind das Scharren der kleinen Metalltischchen, die zu immer wieder neuen Gruppen zusammengestellt werden, das Klappern der Backgammonspiele sowie das ununterbrochene Blubbern der Wasserpfeifen. Mediziner werden nicht müde zu behaupten, dass der Rauch der Shisha dreimal schädlicher sei als Zigarettenrauch. Doch die Wasserpfeife erfreut sich ungetrübter Beliebtheit. Seit vor einigen Jahren bekannt wurde, dass über ihr Mundstück Krankheiten wie Hepatitis A übertragen werden können, verteilen die Kaffeehäuser Einwegmundstücke aus Plastik. In einigen Cafés trennt man die glühende Holzkohle mit Alufolie vom Tabak, sodass nur der reine Tabakrauch eingeatmet wird. Den gibt es mit den verschiedensten Aromen, z. B. Apfel, Pfirsich und Cappuccino.
Wirtschaft:
Wirtschaft:
In den 1990er-Jahren sahen Fachleute in Ägypten ein hoffnungsvolles Schwellenland. Das Reisegeschäft florierte. Doch dürftige Exporterlöse und Misswirtschaft führten das Land in eine Krise, die nach dem Terrorattentat in New York und der damit verbundenen weltweiten Rezession sowie dem Einbruch im Tourismusgeschäft, besonders auf Grund des Irakkriegs im Frühjahr 2003, noch verschlimmert wurde. Die Krise hält seit nunmehr 1999 an. Im Februar 2002 bewilligte eine internationale Gebergemeinschaft in Sharm El-Sheikh neue Milliardenkredite, um das Land am Nil stabil zu halten.
Haupteinnahmequellen Ägyptens sind der Tourismus, die Überweisungen der ägyptischen Gastarbeiter aus dem Ausland, die Suezkanalgebühren sowie die Erlöse aus dem Ölexpor